Kurz erklärt
- Selbstregulation ist die Fähigkeit, einen eigenen Erregungszustand ohne fremde Hilfe wieder zu senken.
- Co-Regulation ist der Weg dorthin, nicht der Gegensatz dazu.
- Kein Kind entwickelt Selbstregulation durch Alleinlassen, sondern durch wiederholte Erfahrung von Begleitung.
- Auch Erwachsene regulieren sich an anderen Menschen, nur unauffälliger.
Die beiden Begriffe werden oft gegeneinander gestellt, als müsste man sich für einen entscheiden. In der Entwicklungspsychologie stehen sie jedoch nicht nebeneinander, sondern hintereinander: Co-Regulation ist die Vorstufe, Selbstregulation das Ergebnis.
Was Selbstregulation genau meint
Selbstregulation beschreibt, dass ein Mensch bemerkt, wie seine Anspannung steigt, und etwas tun kann, das sie wieder senkt. Dazu gehören drei Schritte, die einzeln entwickelt werden müssen: den eigenen Zustand überhaupt wahrnehmen, ihn einordnen und darauf eine Handlung folgen lassen, die hilft.
Jeder dieser Schritte braucht Voraussetzungen. Wahrnehmen setzt voraus, dass ein Kind Körpersignale mit Bedeutung verbinden kann, und das lernt es, indem jemand sie benennt. Einordnen setzt Sprache voraus. Handeln setzt voraus, dass es überhaupt Strategien kennt, die es ausprobiert hat. Nichts davon entsteht von selbst.
Warum Alleinlassen nicht zu Selbstregulation führt
Die Annahme, ein Kind lerne sich zu beruhigen, wenn man es lässt, verwechselt zwei Zustände. Ein Kind, das irgendwann aufhört zu schreien, hat sich nicht zwangsläufig beruhigt, es hat möglicherweise nur aufgegeben, Hilfe zu erwarten. Äußerlich sieht beides gleich aus, innerlich ist es das Gegenteil.
Was tatsächlich zu Selbstregulation führt, ist Wiederholung mit Begleitung. Ein Kind, das hundertmal erlebt hat, dass Anspannung steigt, jemand dabei bleibt und die Anspannung wieder fällt, speichert diesen Verlauf als Erfahrung. Irgendwann kann es ihn selbst herstellen, weil es ihn kennt.
Die Reihenfolge der Entwicklung
- Zuerst reguliert der Erwachsene, das Kind übernimmt dessen Zustand.
- Dann reguliert der Erwachsene mit Worten mit, das Kind beginnt mitzumachen.
- Dann reguliert das Kind mit Erinnerung an den Erwachsenen, auch wenn dieser nicht eingreift.
- Zuletzt reguliert das Kind selbst, der Erwachsene wird nur noch in großer Belastung gebraucht.
Woran man den Fortschritt erkennt
Selbstregulation zeigt sich nicht daran, dass ein Kind nicht mehr wütend wird, sondern daran, wie schnell es zurückfindet. Ein Kind, das früher vierzig Minuten gebraucht hat und jetzt zehn braucht, hat einen großen Schritt gemacht, auch wenn der Ausbruch gleich laut war.
Ein zweites Zeichen ist, dass das Kind Hilfe annehmen kann, ohne sie abzuwehren. Ein drittes, dass es hinterher ansprechbar ist und von sich aus erzählt, was zu viel war. Diese drei Zeichen sind im Alltag deutlich aussagekräftiger als die Frage, ob es überhaupt noch ausrastet.
Warum das Thema für Fachkräfte zählt
In Kita, Schule und Begleitung wird häufig erwartet, dass ein Kind sich zusammennimmt. Diese Erwartung ist nicht falsch, sie ist nur oft zu früh angesetzt. Wer weiß, an welcher Stelle der Entwicklung ein Kind steht, kann die Anforderung so wählen, dass sie gerade noch zu schaffen ist. Genau diese Passung ist das Handwerk, um das es in der fachlichen Begleitung geht.
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Zu den FachrichtungenGespräch anfragenHäufige Fragen
Kann ein Kind zu viel Co-Regulation bekommen?
Zu viel Hilfe entsteht dann, wenn ein Kind etwas abgenommen bekommt, das es schon allein könnte. Das erkennt man daran, dass es in ruhigen Momenten ohne Not nach Unterstützung verlangt. In Erregung gilt das nicht, dort gibt es kein Zuviel.
Warum klappt Selbstregulation an manchen Tagen und an anderen nicht?
Weil sie von Schlaf, Hunger, Reizmenge und Vorbelastung abhängt. Dieselbe Fähigkeit steht nicht jeden Tag gleich zur Verfügung, bei Erwachsenen ebenso wenig.
Ist Selbstregulation dasselbe wie Disziplin?
Nein. Disziplin beschreibt, dass jemand gegen einen Impuls handelt. Selbstregulation beschreibt, dass der Impuls selbst wieder absinkt. Das eine kostet Kraft, das andere stellt sie wieder her.